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  • Von Feldkirch nach KonstanzDatum01.08.2014 00:36
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Damit das Mögliche
    entsteht,
    muss immer wieder
    das Unmögliche
    versucht werden.

    Hermann Hesse

    Für die Statistik: 79km, Fahrzeit: 4h45 53Hm

    Grauer Himmel, aber kein Regen. Zu Walters Geburtstag singen wir ihm ein Ständchen.Dann übernimmt er die Führung durch "sein" Ländle. Einige seiner Landsleute schließen sich uns an.Kurze Pause in Hohenems und Dornbirn. Harold verletzt sich bei einem Sturz im Gesicht und am Knie, kann aber nach Rolfs fachgerechter Behandlung weiterfahren. Ein muslimischer und der einzige jüdische Friedhof Vorarlbergs liegen in Nähe unserer Route. Schließlich landen wir gegen Mittag in Bregenz. Wir werden mit Musik von der Kulturstadträtin in der Fußgängerzone empfangen. Dann bilden wir mit ihr gemeinsam einen Schweigekreis in Gedenken an die zahlreichen Gewaltherde unserer Welt. Ich überreiche ihr mein Buch "Ins Meer der Freiheit" über die Friedensradfahrt von Wien nach Jerusalem mit persönlicher Widmung. Dann werden wir auf ein Getränk im benachbarten Restaurant eingeladen.
    Nun führt uns der Weg über Lindau nach Friedrichshafen. Dort überrascht mich meine Tochter Sonja und Enkelkind Alexandra. Sie haben die weite Strecke von Wien auf sich genommen, um zur IFORTagung da zu sein.
    Die Fähre von Meersburg bringt uns in kurzer Zeit nach Konstanz. Im Freizeitgelände treffen wir unsere deutschen Radler. Gemeinsame Statements. Dann ein wohlverdientes Abendesssen.
    Immer wieder wurde ich bei Interviews gefragt, was ich mir von unserer Friedensradfahrt verspreche. Hermann Hesse gibt wohl eine Passende Antwort.
    dieter

  • Von Landeck nach FeldkirchDatum30.07.2014 23:34
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Ich glaube
    an den Sinn der Erde
    und des Lebens,
    den du, Herr,
    ihnen gabst.

    Hermann Mertens

    für die Statistik :101km, Fahrtzeit 6h 30, 1310Hm

    Wir brechen um 8h15 auf. Es scheint als ob der Wettergott uns auch diesmal wieder gewogen ist.Kein Regen, kühle, aber nicht kalte Temperaturen. Der Arlberg umfängt uns anfänglich mit eher sanften Steigungen. Immer wieder besteht die Chance, sich wieder zu "erfangen". Allmählich gewöhnt er uns an seine Höhen.
    Ich fahre als Schlussmann und genieße ein langsam rhythmisches Tempo.
    Daniel hat Kettenprobleme und muss aufgeben. St.Anton, zur Hälfte der Höhenmeter, bietet eine wärmende Bahnhofstube.
    Dann zeigt uns der Arlberg seine andere Seite. Steile Anstiege, kaum Möglichkeiten sich auszurasten. Manchmal stört hektischer Kfzverkehr die Beschaulichkeit, die vom Grün der Wiesen, dem sanften Rauschen der Gerinne, dem mächtigen Nadelholz, den Wattebällchen Nebel, dem Duft klarer Bergluft ausgeht. Unglaublich, welche Ungeduld manche Autofahrer an den Tag legen. Kein Gedanke an den Weg, kein Genießen des Unterwegssein, nur mehr auf irgendwelche, wer weiß, ob lohnende, Ziele orientiert. Unser Leben ist doch unterwegs sein. Wie sollen wir Leben leben, wenn wir dem Unterwegs, dem Augenblick keine oder nur wenig Aufmerksamkeit schenken.
    Die Nebel werden dichter, Feuchtigkeit nimmt zu. Gerade rechtzeitig sind wir oben am Pass. Dort nehmen wir
    unser Mittagessen ein.
    Auf die Abfahrt habe ich mich sehr gefreut. Leider wird nichts aus dem unbeschwerten Genuß. Äußerste Vorsicht ist angesagt. Es regnet nun in Strömen, dichte Nebelschwaden behindern zusätzlich die Sicht.
    Gebremst rollen wir bis Langen. Dort kurzes Aufwärmen im Bahnhof. Walter, unser Vorarlberger, begrüßt uns in "seinem" Ländle. Allmählich bessern sich die Verhältnisse.Ab Bludenz genießen wir dann unbeschwert die Fahrt entlang der Ill.
    In Feldkirch empfängt uns die Vizebürgermeisterin. Wir bilden mit ihr gemeinsam einen Schweigekreis, bei dem wir uns der vielen, immer mehr zunehmenden, Gewaltherde dieser Welt erinnern.
    In der Jugendherberge setzen wir uns zu einer sowohl organisatorisch notwendigen, als auch einer beschaulichen Rückbesinnungsrunde zusammen.Ein äußerst harmonischer Abend mit viel Herzlichkeit.
    Vor dem Schlafen fällt mir der Spruch Mertens in die Hände, hinter dem ich mit meinem ganzen Herzen stehe.
    Bei diesen Gedanken fühle ich tiefe Geborgenheit und bin sicher alsbald im Land der Träume.
    dieter

  • Von Innsbruck nach LandeckDatum29.07.2014 22:33
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Was noch zu leisten ist,
    das bedenke;
    was du geleistet hast ,
    vergiss!

    Marie von Ebner-Eschenbach

    für die Statistik: 81km, Fahrzeit 6h, 580Hm

    Wieder Wetterglück, kein Regen, aber auch keine brütende Julihitze. Wir verlassen das Waldhüttl gegen 8h.Mit etwas Verspätung erreichen wir unsere Zwischenstation in Telfs. Der Altbürgermeister empfängt uns im Franziskanerkloster. Er ist einer Väter der Friedensglocke des Alpenraumes,initiiert von Silvius Magnago, Eduard Wallnöfer und Alfons Goppel. Täglich um 17h läutet sie auf einem der schönsten Plätze Tirols bei Mösern. Sie wurde nicht nur als Zeichen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, sondern auch als Symbol der Verständigung unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Sprachen bedeutend.
    In Stams besichtigen wir die Basilika und halten Mittagspause. Vor Imst verengt sich das Tal, der junge Inn ist hier voll brausender Lebenskraft.Wir übernachten im schwarzen Adler. Beim Zubett gehen fällt mir das Wort Ebner- Eschenbachs ein. Wir haben nun schon einige Radkilometer geleistet, doch das ist angesichts der morgigen Arlbergpassetappe nicht wirklich viel.Besser an das Morgen zu denken und das Alte zu vergessen.

  • von Kufstein nach InnsbruckDatum28.07.2014 22:54
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Woher weißt du,
    dass dein Leben
    vor dir herläuft
    und du dich beeilen musst?
    Vielleicht ist es hinter dir,
    und du brauchst
    nur innezuhalten?

    Ben Meir

    für die Statistik: 85km, 280 Hm, Reisezeit 6h


    Wir haben ein weiteres Mal Glück mit dem Wetter. Nur bei Hall ein paar Tropfen. Ein paar von uns, auch ich, suchen morgens eine Radreparaturwerkstatt auf.Zilli bekommt ihre gerissene Kette wieder ganz, bei mir ist an der Beleuchtung etwas zu ergänzen, Karl überlegt Ersatzteile zu besorgen. Anschließend fahren wir den Anderen nach und holen sie bald ein. Dann ein entspanntes Fahren bis Brixlegg, unserer Mittagsstation. Die ganze Zeit bleibt uns der Inn treu oder wir ihm. Vor Innsbruck macht sich Hektik breit. Durch Patschen und planlos hektische Routenvarianten bilden sich mehrere Gruppen,werden wir aufgehalten und verspäten uns. Eine Stadträtin, die wir treffen sollten, muss auf Grund unseres verzögerten Eintreffens den Termin absagen.Ein Schweigekreis vor dem goldenen Dachl Am Waldhüttl zeigt uns Jussuf, die in kurzer Zeit aufgebaute Bleibe für Heimatlose, insbesondere für Roma. Ein großartig gelungenes Projekt.Wir essen gemeinsam und diskutieren über Friedensthemen.Eine Scheune ist heute unsere Schlafstätte. Vor dem Einschlafen sinniere ich darüber nach, wie wir der modernen Unruhe und Hektik entkommen können, die uns nicht nur vieles verdirbt, sondern im Sinne von Ben Meir die so wichtige Lebensqualität des Innehaltens vergessen lässt.
    dieter

  • Von Salzburg nach KufsteinDatum28.07.2014 00:19
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Nenne dich nicht arm,
    weil deine Träume nicht in
    Erfüllung gegangen sind.
    Wirklich arm ist nur,
    wer nie geträumt hat.

    Marie von Ebner-Eschenbach

    Für die Statistik: 103Km,reine Fahrzeit: 7h20, 480 Hm

    Am Start ein Pressefotograph, er begleitet uns eine Weile oder lauert an "bildträchtigen" Plätzen. Ein die Julihitze brechender Grautag, aber ohne Regen ist eine große Hilfe beim Vorankommen, aber auch mein Navi leistet dabei große Dienste. Es ist der Tag der Tiere: zuerst versammeln sich zahlreiche Rinderherden im weitläufigen Wiesengrund, dann blöcken in unserer Nähe weiße und schwarze Schafe, mehrmals gesichtet: jeweils zwei Katzen vereint in ihrer Fangstrategie, stämmige Haflinger, Raubvögel und auf den Flüssen Enten, die bei unserem Auftauchen aufstreichend das Weite suchen. Herrliches bayerisches Alpenvorland,in allen Grünschattierungen,Wälder, die wir durch-, Salzach, Saalach, Inn und Chiemsee, die wir umfahren. Wir essen bei einem Italiener in Traunstein und machen am Chiemsee eine Kaffeepause. Andreas riskiert ein kleines erfrischendes Bad.
    Dann zwischen den zusammenrückenden Bergen nach einem angenehmen Anstieg am Almboden, eine prachtvolle Abfahrt nach Kufstein.Dort finden wir nach kurzer Suche unser Quartier.
    Beim Abendessen höre ich das Ö1 Interview ab, das man mit mir gemacht hat und bin gründlich enttäuscht. Ein einziger Satz wird wiedergegeben. Die Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit bringt offensichtlich keine Quoten. Ebner-Eschenbach gibt mir ein wenig Trost. Ich werde in ihren Sinn weiter träumen, auch wenn meine Träume im vorliegenden Fall kräftig desillusioniert worden sind.
    dieter

  • Ruhetag in SalzburgDatum26.07.2014 19:32
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Wir können
    den Wind nicht ändern,
    aber wir können
    die Segel richtig setzen.

    Aristoteles

    Aufwachen in einer meiner Lieblingsstädte. Mit einem Blick aus dem Fenster, vor mir, die Burg stolz erhoben, von der Morgensonne ins rechte Licht gerückt. Angenehme Julimorgentemperatur. Die Hälfte der Reise für Frieden und Gewaltfreiheit haben wir schon in unseren Radlerbeinen. Um 11Uhr gemeinsamer Auftritt mit einer fünfköpfigen Theatergruppe am Alten Markt. Fünf liebenswerte, junge Menschen, Gleichgesinnte, die uns die Regie vorgeben. Wir bilden einen Stern. Abwechselnd rufen wir das Wort Frieden in allen Sprachen in immer kürzeren Abständen bis es zum großen Aufschrei, zum einigen Wunsch wird. Dann der Kreis. Händereichen, wir gehören zusammen, sind eines Sinnes.
    Der Frieden, so wird er eines Tages kommen, kommen müssen, wenn die Menschheit überleben und eine höhere Bewusstseinsstufe erreichen will. Wenn die Evolution ihren Sinn erfüllen soll, wenn wir das Vertrauen der geistigen Kraft dahinter rechtfertigen wollen, wenn das ganze Kapitel Mensch nicht zum misslungenen Schöpfungsabenteuer gerät.
    Und dieser Frieden kann nur und wird von unten kommen. Dazu ist die moderne Informationstechnolgie bestens geeignet. Herrschaftssymbole,wie Ismen aller Art, die die Menschen immer wieder irreführen und instrumentalisieren, werden nach und nach ihre Bedeutung einbüßen. Globales Denken wird die Oberhand gewinnen (müssen). Dank der modernen Medien wissen wir schon sehr viel voneinander in einer sehr eng zusammengerückten Welt, zuviele, auch wirtschaftliche Interdependenzen bestehen bereits, um noch allzu einseitige Meinungen, allzuviele Vorurteile dauerhaft installieren zu können. Mag sein, dass es noch drei, vier Generationen dauert, bis wirklich auch die größten Fanatiker erkannt haben, dass mit Gewalt nichts, rein gar nichts, dauerhaft erreicht werden kann.
    Aristoteles weist uns eine Möglichkeit, lernen wir die Segel richtig setzen, lernen wir in Frieden mit einander auszukommen, räumen wir alles weg, was zu einseitigen Betrachtungen, zu Vorurteilen, auf Grund mangelndes Wissens, mangelnder Bildung beiträgt. Teilen wir die unermesslichen Schätze dieser Erde. Sie ist unser aller einzige (Überlebens-) Chance.
    dieter

  • Von Altheim nach SalzburgDatum26.07.2014 01:26
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Alles in der Welt
    ist merkwürdig
    und wunderbar
    für ein Paar
    wohlgeöffneter Augen

    Jose Ortega y Gasset

    für die Statistik: 95km, 300Hm, Fahrzeit:7h

    Das schöne Wetter bleibt uns treu. Vor dem Heldendenkmal des Städtchens erinnere ich mich beim Morgenlob an ein Zitat Bert Brechts:" Weh dem Volk,das Helden braucht." Mit dem Heldenmythos hat man vor allem junge Männer immer wieder zur Kampf- und Kriegsbereitschaft instrumentalisiert. Wer will nicht gerne ein Held sein, von den Frauen bewundert, von den Männern beneidet. Echter Mut hingegen hat eher damit zu tun , gegen den Strom , gegen die allgemeine Meinung anzutreten, hat mit Zivilcourage zu tun.
    Gegen Braunau hin, befahren wir ein Flachland mit geringen Erhebungen am Horizont. Hafer und Mais stehen noch,anderes Getreide ist schon abgeerntet. Vereinzelt stehen kleine Kapellen im Raum. Zwei einsame Kühe auf grüner Wiese. Dann eine steinalte Kirche, ein Weiher und schön angelegte Radwege.
    Kaum in Braunau angekommen, machen wir die Bekanntschaft eines höchst spirituellen, herzlichen Menschen,der uns nicht nur das Geburtshaus Hitlers zeigt, sondern auch die starke Gegenströmung gegen den NaziTerror aufzeigt, die die ganze Region erfasst hat. Zudem befindet sich ein Denkmal gegen den Faschismus als besondere Mahnung vor dem Geburtshaus. Wir bilden dort einen Schweigekreis gegen jegliche Form von Gewalt.
    Bevor wir aufbrechen, stärken wir uns mit Getränken oder Eis. Dann geht es zum Inn hinunter. Eine prachtvolle, flotte Fahrt entlang des hier schon etwas träger vorwärts treibenden Flusses beginnt. Auf Holzresten, die aus dem Wasser ragen, nisten Möwen.Unsere Begeisterung für die unmittelbare Flussnähe, lässt einen Teil der Truppe, zu dem auch ich zu zählen bin, ein wichtiges Schild übersehen. So landen wir schließlich auf reinem, sehr schwer zu befahrenden Schotter, auf Gras; der Weg wird immer unwirtlicher, bis er schließlich in einer Sackgasse endet. Großes Unbehagen macht sich breit, den ganzen schwierigen Weg noch einmal zurück fahren zu müssen. Eine andere Lösung schien nicht in Sicht, bis einer unserer "Schotterradler" in dem sehr steilen Uferhang ein paar Stufen entdeckte. Es war ein Meisterstück, dass wir alle, teils recht schweren, Räder da hinauf hieven konnten. Oben angelangt, sahen wir uns dichtem Wald gegenüber. Mein Navi entdeckte schließlich einen kaum wahrnehmbaren Forstweg,der uns wieder in die Zivilisation zurück führte.
    In Ach vereinigten sich die beiden Gruppen zum Mittagessen in einem Restaurant mit atemberaubenden Ausblick. Vor uns am gegenüber liegenden Ufer erstreckt sich die Festung von Burghausen in ihrer ganzen Länge. Darunter schmale und auch breitere Häuser, Kirchtürme,das Rathaus, alles wirkt wie der Abschnitt einer Modelleisenbahnanlage.
    Dann der Anstieg nach St.Radegund. Dort begegnen wir der Tochter Jägerstätters. Wir sitzen in der Stube, in der einst ihr Vater die folgenschwere Entscheidung getroffen hat, seinem christlichen Gewissen zu folgen und den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Tief betroffen lese ich seinen Abschiedsbrief vom Tag seiner Hinrichtung.
    Wir überreichen seiner Tochter ein Buch über Jean Goss. Der Abschied ist bewegend und herzlich.
    Die letzten Kilometer nach Salzburg genießen wir entlang des Flusses. Die Auwälder zu beiden Seiten, die einsetzende Abendkühle eines heißen Julitages, die Lichtreflexionen des Flusses lassen uns unsere beginnende Müdigkeit rasch vergessen.
    Bei aller Betroffenheit über die auch heute wieder vorgefundenen Dokumentationen menschlicher Grausamkeit, hilft uns das Erlebnis in und mit der Natur über manche sonst wohl aufkommende Betrübnis hinweg.
    Umso wichtiger ist daher im Sinne Gassets die Augen ganz für die Schönheiten der Natur offen zu halten.
    dieter

  • Von Linz nach AltheimDatum24.07.2014 23:59
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Worauf es heute ankommt,
    ist nicht der Unterschied
    zwischen Gläubigen
    und Ungläubigen,
    sondern zwischen
    den Menschen mit Herz
    und denen ohne Herz.

    Abbe Piere

    Für die Statistik: 105km, Hm: 500, Fahrzeit: 7h

    Bei Sonnenschein, der uns den ganzen Tag begleitet, ist Hartheim unsere erste Zwischenstation.
    Nach Erwin Ringel ist eine Gesellschaft daran zu messen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.
    Die Ausstellung in Hartheim legt auf erschütternde Weise klar, wie treffend Ringels Worte sind.
    Hier wurde Euthanasie im ganz großen Stil betrieben.Geistig oder körperlich Behinderte wurden systematisch in den Tod getrieben, als unwertes Leben bezeichnet.
    Auch der Umgang in der postnationalsozialistischen Aera mit Behinderten ist zumindest was die damals involvierten Ärzte anbelangt sehr fragwürdig.
    Der zunehmenden Hitze weichen wir mit einem frühen Mittagessen in einem schattigen Gastgarten aus. Bei der folgenden Fahrt beginnt mein Hinterrad zu stoßen und sehr unrund zu laufen. Ich will aber bis Altheim durchhalten, um die anderen nicht aufzuhalten.
    Ortskundige übernehmen die Navifunktion,leider mit dem Ergebnis einiger Umwege. So schön die Hügellandschaft ist, sind die erheblichen, häufigen Anstiege sehr zeit- und kraftraubend.
    Schließlich landen wir in Ried. Plötzlich ein lauter Knall. Mein Hinterrad "explodiert" förmlich. Mantel und Schlauch sind stark beschädigt. An ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Die letzten 12 km lege ich daher im Bus zurück, doch nicht allein, auch Hans erleidet eine Reifenpanne und steigt ein. Rolf muss noch mehrmals ausrücken. Einmal rettet er französische Studenten, die ihren Uniabschluss mit einer Fahrt von Paris nach Istanbul feiern und bringt sie zu einem hervorragenden jungen Radmechaniker, der auch mein Rad in Windeseile, lang nach Geschäftsschluss, repariert.
    Mit einem guten Abendessen in fröhlicher Runde endet der Tag. Mit ein wenig Stolz erfüllt meine Vaterbrust, dass auch Benny ohne nennenswerte Vorbereitung diese schwierigere Etappe tadellos bewältigt hat.
    Die Worte Abbè Pierres zeigen in die einzig mögliche Richtung, in der Frieden gedeihen kann, die so sehr mein eigenes Denken bestätigen.
    dieter

  • Von Grein nach LinzDatum23.07.2014 23:42
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Dankbarkeit
    ist das Gedächtnis
    des Herzens

    Jean Baptiste Massieu

    für die Statistik: 63km, Fahrzeit 3h50

    Der Tag beginnt mit einem weißblauen Himmel. Wir genießen das trockene Wetter nach den gestrigen,immer wiederkehrenden Regengüssen ganz besonders. Auch Sonnenstrahlen finden durch die Wolken. Ein kurzer Blick zurück auf das malerisch gelegene Städtchen Grein, dann ist unser Blick vorwärts gerichtet auf das Lichtspiel, das die Donau dem Himmel trotzig erwidert. Der Strom ein riesiger Spiegel des Gewölbes darüber. Weiß, grau und blau flackert in rasch wechselnden Rythmen die große, langsam dahinziehende, Wasserfläche. Die Zeit scheint bei solchem Anblick still zu stehen, wäre da nicht das leise Surren der Räder, das Ticken im Leerlauf.
    Friedlich schlummert der Wasserriese, den wir mehrmals überqueren. Zuletzt 2013 aber stand hier alles unter Wasser, trotz verbesserter Schutzmaßnahmen. Viele Häuser wurden aufgegeben und höher gelegene Domizile errichtet. Jubel und Elend liegen auch hier sehr nah beisammen. Wie tags zuvor auf der Schallaburg wiedergegeben: die Menschen zogen jubelnd in den Krieg, zu spät erkannten alle welches Elend Kriegsgewalt verursacht. Da waren es Menschen, die sich unerträgliches Leid zufügten, hier nun ist es die Naturgewalt, die alles vernichtete.
    Nun aber jubelt die Natur wieder, die sich der Wassermassen entledigt hat.Herrliche Blumenwiesen, deren gelbe
    Vorherrschaft durch blaue und weiße Farbtupfer wunderbar ergänzt wird. Mais, der seine werdende Frucht durch rostbraune Wollhäubchen schützt. Sonnenblumen, die sich zum Gebet versammelt haben, ihre Köpfchen auf DEN ausgerichtet, von dem sie wissen, dass er hinter der Sonne (und auch den Sternen) zu suchen ist. Obstbäume mit bald reifen Früchten, deren Most diesem Viertel seinen Namen gab.
    Wir landen im --- Parlament. So heißt mitten im Mostviertel ein auf einer Anhöhe gelegenes Gasthaus. Eine riesige Birne aus Schindeln, ein paar Tonnen schwer und 6m hoch, Wahrzeichen der Region, schmückt den Bereich davor.
    Der Patschenteufel schlug bei Waltraud zu, doch Karl und Rolf halfen fachgerecht.
    Wir setzen ein weiteres Mal über die Donau. Bei unserer frühen Mittagsrast führt uns Gerhard Lehrner in die furchtbare Geschichte des KZ Gusens ein, dass wir im Anschluß besuchen. Zu wieviel Grausamkeit und Gewalt Menschen fähig sind! Erschüttert stehen wir vor diesem unvorstellbaren Abgrund menschlichen Versagens.
    Die Bilder wirken noch lange nach. Dem Strom, dem wir entlangradeln, gleichend, wie ist so ein Ausufern von Gewalt, so ein rasch anwachsendes Hochwasser unmenschlicher Brutalität möglich gewesen. Hat man zu lange, dem zunächst trägen, niederschwelligen Fließen keine Beachtung geschenkt, es einfach unterschätzt?
    Bald taucht Linz vor uns auf. Über die Brücke fahren wir pünktlich am Hauptplatz ein. Im alten Rathaus werden wir von der stellvertretenden Landeshauptfrau und dem Linzer Vizebürgermeister empfangen. Ich übergebe eines meiner Bücher "Ins Meer der Freiheit" (über unsere Radfahrt nach Jerusalem) mit einer Widmung für den Herrn Landeshauptmann. Gut geduscht genießen wir zum Abschluss ein gutes Abendessen im "Klostergarten".
    Vor dem Einschlafen sinniere ich, wie dankbar wir für fast 70 Jahre Frieden in Österreich sein müssen. Wissen wir, so sehr schon daran gewöhnt, gar nicht mehr, dass es auch ganz anders sein könnte? Schätzen wir noch,wissen wir noch,was wir daran haben. Unser Herz möge dieses Gedächtnis, ganz im Sinne Massieus, ewig bewahren. Das wünscht sich
    euer
    dieter

  • von St.Pölten nach GreinDatum22.07.2014 23:27
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Die Welt
    so mangelhaft sie auch ist,
    sie ist dennoch schön und reich.
    Denn sie besteht aus lauter
    Gelegenheiten zur Liebe.

    Sören Kierkegaard

    77km, Fahrzeit 5h

    Wir brechen bei grauem Himmel, zunächst noch ohne Regen auf.Bereits abgeerntete Getreidefelder säumen unseren Weg.
    Der Mais steht noch in voller Erntepracht.Zahlreiche Weggabelungen erschweren unseren heutigen Navigatoren das Vorankommen. Doch schließlich schaffen wir es bis zum Steilanstieg zur Schallerburg.Einige müssen nun absteigen und die restliche Streck zu Fuß zurücklegen. Der Aufenthalt auf der Burg wird zum absoluten Highlight. Der Ausstellungsleiter steht uns persönlich zur Verfügung. Wir gewinnen den Eindruck einer sehr gelungenen Ausstellung,
    umso mehr als die Intention der Schau und unser Anliegen aufs Engste verwandt sind. Es wird versucht die Schritte bis zum Ausbruch des Weltkrieges zu analysieren, der ganze Völker in den Tod gerissen hat.
    Dann geht es weiter zu einem Heurigen, den der Pöchlarner Bürgermeister organisiert hat. Ich überreiche ihm ein Exemplar meines Buches über die Jerusalem Fahrt "Ins Meer der Freiheit!. Dann nehmen wir die restlichen 40km unter die Räder. Regenschauer begleiten uns. Erschöpft, aber glücklich kommen wir an. Ein gelungenes Abendessen bildet den Abschluss.Vor dem Schlafengehen stolpere ich über den Spruch von Kierkegaard,weiß man doch selbst, wie sehr erst die Liebe, die man gibt,zu einem erfüllten Leben führt.
    meint euer
    dieter

  • Von Kleinmariazell nach St.PöltenDatum22.07.2014 01:10
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Es gibt immer
    ein Stückchen Welt,
    das man bessern kann -
    sich selbst.

    Gabriel Marcel

    54km,Fahrzeit 3,5h


    Ein kurzer morgendlicher Besuch in der Wallfahrtsbasilika. Eine Gedenktafel gilt einem Mönch, der Opfer der Religionskriege zur Reformationszeit geworden ist. Bis heute sind Religionen, besser der Missbrauch von Religionen,
    oft Quelle für Kriege und Gewaltbereitschaft.
    Ein kurzes gemeinsames Morgenlob vor dem Wegfahren bringt uns in die Gegenwart zurück. Heute stehen zwei ordentliche Anstiege am Programm, die alle mit Bravour bewältigen. Wir durchfahren eine wunderschöne Berglandschaft mit saftigen, meist gelb getupften Blumenwiesen. Zwei einsame Schwalben auf den Stromleitungen üben noch vergebens die Bildung einer Partitur. In ein paar Wochen werden die fünfzeiligen Drähte voll besetzt sein mit den notenbildenden Vögeln - Schwalbenkomposition sozusagen. Den Anstiegen folgen genussreiche Abfahrten. Der zunächst blaue Himmel beginnt sich grau einzufärben.Ein flexibler Wirt schafft es ohne unsere Vorankündigung ein variantenreiches Mittagessen herzustellen. Wir verlassen die Berglandschaft und haben im angrenzenden Hügelland noch den einen oder anderen Hügel zu überwinden.Wir erreichen St.Pölten.
    Eine moderne, anfangs der 2000er Jahre in Ellipsenform errichtete Kirche hinterlässt bei etlichen von uns einen erhebend tröstlichen Eindruck. Das Kreuz nicht als Symbol des Leidens, sondern durch seine transparente Darstellung, als Symbol der Hoffnung, der Auferstehung berührt mich tief. Ein köstlicher Eiskaffee sorgt nach dem seelischen Hoch für ein körperliches Highlight.
    Im Hammerpark werden wir an die in den letzten Kriegstagen erschossenen Widerstandskämpfer erinnert. Auch zwei Frauen befanden sich darunter.
    Dann geht es zum Empfang beim Bürgermeister,der seine Funktion auch als Lord Mayor for Peace ernst nimmt.Wir werden sehr herzlich empfangen und von dem "gelernten" Historiker in die wechselhafte Geschichte St.Pöltens eingeführt. Mir wird die Aufgabe, wohl als Senior der Gruppe, zuteil, mich im Namen der Radler für die Einladung zu bedanken. Im Gegensatz zu den von uns am Vortag eingeladenen Wiener Institutionen wird hier die Arbeit für den Frieden und für Gewaltfreiheit sehr geschätzt. Ein Bösendorfer in dem schönen Barocksaal ist schließlich Anlass, das mein Sohn Benny mit viel Applaus bedacht, einiges zum Besten gibt. Nach ein paar Gläschen ausgezeichneten Weißweins verlässt ein für sein Schicksal zutiefst dankbarer Vater beschwingt diese Stätte gemeinsamen Verstehens und Verstandenwerdens.
    Am Abend absolvieren wir einen Besuch im Steppenwolf, dem St.Pöltner Jugendzentrum. Zwei seht kompetente Damen lassen uns an ihrer, sehr plastisch geschilderten Jugendarbeit teilhaben.
    Nach einem späten Abendessen in der Innenstadt,sinniere ich vor dem Schlafengehen über die Möglichkeiten, Frieden zu schaffen und stoße auf den so einfachen und doch überaus wirksamen Vorschlag Gabriel Marcels. Würden wir alle diesen wahrhaft ernst nehmen, wäre der Frieden der Welt gesichert.
    denkt euer
    dieter

  • Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2014

    Wähle den Weg
    über die Bäche und stürze
    dich nicht gleich ins Meer!
    Man muss durch das Leichte
    zum Schwierigen gelangen.

    Thomas von Aquin

    Für die Statistik; ca.75km,Fahrzeit ca.6 Stunden
    Letzte hektische Aktivitäten. Wir wollen vor und nach dem Schweigekreis vorm Parlament
    auch einen musikalischen Rahmen. Was lag näher als, dass Benny, der schon im Parlament
    auf dem Klavier spielte, auch vor dem Parlament sich musikalisch für unser Friedensprogramm
    einsetzt. Woher Strom nehmen für sein Keyboard? Dank Silvias Vermittlung konnten wir noch
    knapp vor dem geplanten Auftritt Bennys einen Generator auftreiben.
    Jean Goss'Witwe Hildegard hält eine berührende und beeindruckende Rede.Dem Schweigekreis schließt
    sich auch der eine oder andere Passant und Passantin an.Sonntag vormittag bei großer Julihitze
    sind nur Wenige unterwegs. Eingeladene Politiker, auch Vertreter von ökomenischen Stellen erscheinen
    nicht, schicken nicht einmal eine Absage.
    Ist der Frieden und die Gewaltfreiheit kein Thema? Wissen wie überhaupt nicht mehr zu schätzen, Frieden
    in unsrem Land zu haben, wo es doch um uns herum lichterloh brennt.Geben wir uns mit Gerede um Steuerreform
    Gendereien und sonstigen meist Oberflächlichem zufrieden?
    Berührt durch Wohlstand hart gesottene Bürger nur mehr das eigene Geldbörsel? Sind Syrien- GazaOpfer, um nur wenige zu nennen,für den Wohlstandsbürger in eine Art gleichgültige Cyberfantasie abgeglitten? Glauben also nicht einmal mehr Politiker mit Friedensthemen Stimmen zu lukrieren?
    Wir aber meinen, dass das Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit in einer Welt ständig zunehmender Brutalität nicht nur nichts von seiner Aktualität verloren hat, sondern notwendiger denn je ist.Ganz im Gegenteil erinnert die heutige Weltlage fatal an die Zeit vor Ausbruch der beiden Weltkriege.
    Das Wetter entspricht zunächst so gar nicht meinen trüben Gedanken. Doch allmählich wird aus dem Schönwetter unerträgliche Hitze, einer unsere Radler muss für heute aufgeben und fährt im Begleitfahrzeug mit. Starker Gegen- und Seitenwind erschwert unser Vorankommen. Schon in Gumtramsdorf kehren wir mehr durstig als hungrig zu einer ausgedehnten späten Mittagspause ein. In Traiskirchen erzählt Leo als Einheimischer etwas über seine Sicht der katastrophalen Zustände der Flüchtlingsbetreuung im mehr als 30jährigen Dauerprovisorium.
    Unser Halt in Hirtenberg ist dann dem Gedenken an jene Munitionsfabrik gewidmet,die in der Zeit des Nationalsozialismus Hauptmunitionslieferant für die "Mauser" der deutschen Wehrmacht war.
    Dann eine wunderschöne Fahrt,schon bei Abendkühle, auf den Triestingtaler Radwegen.Das Abendessen genießen wir regengeschützt im Freien bei Gewitter.
    Der ORF 1 interviewt einige von uns. Die Sendung wird vermutlich nächsten Sonntag,7h bis 8h in "Erfüllte Zeit"
    ausgestrahlt.
    Den heutigen Tag überdenkend, bin ich mir nicht ganz im Klaren, ob ich bei der Planung,im Sinne Thomas' von Aquin,
    noch den Weg über die Bäche gegangen bin oder mich doch schon ein bisschen zu viel ins Meer gestürzt habe.
    meint euer
    dieter

  • Fotos SplügenpassDatum21.09.2013 19:05
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Erste Fotos

  • Und nun auch noch der SPLÜGENPASSDatum15.09.2013 17:13
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Für die Statistik: rund 40km, ca. 2000 Hm

    Es gibt Berge,
    über die man
    hinüber muss,
    sonst geht der Weg
    nicht weiter.

    Ludwig Thoma

    Ernst und ich verließen Turin am 9.9. gegen 10h mit den 13 Rädern der Turinradler, die sich zum Großteil schon am frühen Morgen mit dem Zug in Richtung Österreich in Bewegung gesetzt haben. Ein verzweifelter Anruf von Marianne, sie hätte den Schlüssel vom Turiner Domizil irrtümlich noch bei sich; ein letztes logistisches Problem, das wir mit Hilfe der noch
    bis Dienstag in Turin verbliebenen Radler Gerhard, Josef und Fritz noch rechtzeitig lösen konnten.
    Die schneebedeckten Berge im Norden, die das sonnige Morgenlicht herausfordernd bei unserer Fahrt Richtung Mailand ins Blickfeld rückt, lassen in mir den am Vorabend noch recht diffus dämmernden Entschluss endgültig reifen, den auf unserer Rückreise wie eine Barriere wartenden Splügenpass mit dem Rad in Angriff zu nehmen.
    Am Comosee genießen Ernst und ich noch in einem direkt am Ufer gelegenen Restaurant ein hervorragendes Mittagessen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl dann die letzten Kilometer
    im Auto bis Chiavenna, in Anbetracht dessen was ich mir mit diesem Pass vorgenommen habe: Rund 30km von Chiavenna (333m) zur Passhöhe (2115m),dazwischen eine kurze Bergabfahrt, sodass zur rechnerischen Höhendifferenz nochmals geschätzte 200Hm dazukommen. Doch ich will das auf Grund meines fortgeschrittenen Alters nur noch zu einem winzigen Spalt geöffnete Zeitfenster nutzen – diese wohl letzte Chance- mit der, durch die rund 1200 km lange Friedensradfahrt, wieder etwas verbesserten Kondition, um diesen Berg
    zu bezwingen. Immerhin sind es noch einmal um 600Hm mehr als auf den Glockner, der, als er und ich noch einige Jahre jünger waren, mein erfolgreiches Ziel war. Selbstredend will ich den „Splügen“ in einem Zug durchfahren. Ich beginne daher sehr vorsichtig und langsam. Erst allmählich gewinne ich mehr Zutrauen in meine Möglichkeiten und steigere das Tempo ein wenig.
    Ein prachtvolles Tal mit einigen Dreitausendern zu beiden Seiten öffnet sich im langsamen
    8-10kmh Tempo. In den Fels gesprengte Tunnel, atemberaubende Serpentinen, so eng, dass
    manche Autos reversieren müssen, um durch zu kommen. Ein Postbus, der das mit Bravour schafft. Almboden, Kühe weiden bis zur Passhöhe. Wasserfälle donnern ins Tal. Kleine
    Dörfer mit Stein- und Holzhäusern eng an die steilen Hänge geschmiegt. Nun stellt sich heraus, dass ich eine ideale Zeit und ideales Wetter erwischt habe. Bis hinauf habe ich immer wieder etwas nachmittägliche Sonnenwärme. Und dann als man glaubt schon oben zu sein, beim Lago Montesplugo, und erste Freudenströme durchs Innere ziehen, beginnt noch einmal eine allerletzte Bewährungsprobe, noch einmal Anstieg, diesmal noch dazu mit erheblichem Gegenwind. Geschafft, das Schweizer Fähnli signalisiert das Ende der Tortur. Mit einer warmen Goretexjacke gegen die aufkommende Abendkälte nunmehr geschützt, beginnt die große Belohnung, die genussvolle Abfahrt nach Splügen über eine nicht minder abenteuerliche Folge von Serpentinen, am Rande das Vieh mit Glockengeläut, so als ob es
    Einem applaudieren wollte, wozu man sich im Stillen ohnehin schon selbst beglückwünscht hat – ein lohnendes Abenteuer so gut überstanden zu haben.

    Dieter



    p.s.: Ernstl hat ein paar Fotos davon gemacht, die ich hoffentlich bald nachreichen kann.

  • Abschluss in TurinDatum12.09.2013 11:37
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Jeder Augenblick,
    den du gut nutzt,
    ist ein Schatz ,
    den du gewinnst.

    Don Bosco


    Ein kurzer Weg führt uns von der Casa Margherita, wo wir übernachteten, zum Herzstück des salesianischen Turin. Hierher nach Valdocco brachte Don Bosco 1846 sein Oratorium; hier gründete er den Salesianerorden. Der Ort ist voller Erinnerungen und Botschaften. Es sind Botschaften von Armut, vom Vertrauen auf Gott, vom Meistern aller möglichen Schwierigkeiten und vor allem von der Liebe zu den Jugendlichen.
    Nach dem Frühstück großes Fotoshooting im Innenhof des Areals. Der österreichische Provinzial der Kongregation Pater Osanger begrüßt und begleitet uns bei der Führung durch Johannes Haas, der uns auf eindrucksvolle Weise den Werdegang und das Leben Don Boscos
    nahebringt. „ Oh, sie war weder schön noch in einem guten Zustand, diese Baracke.“Eine Baracke, die ihm Franz Pinardi überließ. Nach 18 Monaten des Herumwanderns mit „seinen“ Jugendlichen, deren Zahl explosionsartig angewachsen war, hatte er mit dieser Baracke seinen ersten festen Platz gefunden. Nach und nach wurde daraus das Gebäude seines großen Traumes. Heute ist dort die Pinardikapelle. Bald war auch dieser erste Ort für die vielen Jugendlichen zu klein geworden. Eine neue, größere Kirche, die Franz von Sales, dem großen Vorbild Don Boscos, geweiht wurde, entstand. Dann die Zimmer Don Boscos, in denen er arbeitete, die erste Regel des Salesianerordens verfasste, von denen der Beginn der Missionstätigkeit ausging und wo er schließlich starb. Heute gibt es weltweit ca. 14000 Salesianer.
    Nach dem Saal der Erinnerungen bildete ein Besuch in der Mariahilfbasilika den beeindruckenden Abschluss der Führung. Ihre Entstehung ist ein Spiegelbild für das unbedingte Gottvertrauen, das Don Bosco hatte. Mit acht Soldi in der Tasche gab er den Auftrag. Nach sechs Jahren Bauzeit war alles mit Spenden finanziert! Für mich als Absolvent eines Wirtschaftsstudiums, der an eher vorsichtiges Budgetieren gewöhnt ist, eine unglaubliche Leistung.
    Der Nachmittag in der Don Bosco Kirche am Colle Don Bosco, dem Hügel außerhalb Turins, wurde dann für mich zum absoluten Höhepunkt: Die erste Ordensprofess, das heißt, das zeitlich begrenzte Versprechen nach den salesianischen Regeln zu leben, für 19 junge Männer aus Italien, der Ukraine und einem auch aus Österreich, die im Rahmen einer Messe abgegeben wird. Der „Tempio“, wie die Kirche auch genannt wird, ein moderner Bau mit viel Holz im Inneren wird vor allem von der riesigen Plastik des Auferstandenen beherrscht. Typisch für den Geist Don Boscos: nicht der Gekreuzigte, sondern der Auferstandene steht
    im Vordergrund, wie er ja auch in seinem berühmten Spruch: „Das Beste, was wir auf dieser Welt tun können, ist Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen“, das bejahende
    Prinzip betont. Das Helle, der Auferstandene, die Fröhlichkeit sind die Leuchttürme unseres
    Lebens, nach denen wir uns orientieren sollen!!
    Am Abend dann unsere schon seit Längerem geplante Reflektionsrunde. Nicht alle melden sich zu Wort. Gedanken über Frieden, Gemeinschaft, Pilgern und unsere Radfahrt werden nachgespürt. Ideen über eine Fortsetzung unserer Friedensradfahrt bereits 2014 ( 100 Jahre 1. Weltkrieg) kommen auf. Ein Nachtreffen in Schlierbach bei Josef am 26.10. 2013 wird vereinbart. Zum Schluss überrascht mich die Gruppe mit einem Danke in Form von köstlichen piemontesischen Weinen.
    Zum Schluss stelle ich mir die Frage, habe ich, haben wir den Augenblick, die Augenblicke
    mit und auf unserer Reise gut genutzt? Damit sie zu einem Schatz für uns, vielleicht auch
    für Andere, denen wir begegnet sind, werden können? Die Zukunft wird zeigen, ob die Friedensradfahrtbewegung, die europaweite Dimensionen anzunehmen bereit zu sein scheint,
    aus einem Pflänzchen zu einem ordentlichen Baum wachsen kann.

    Das hofft euer
    dieter

  • Finale Fotos der Ankunft in TurinDatum08.09.2013 21:03
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Erste Fotos der Ankunft und der Zeit in Turin ... weitere (auch von davor) werden nachgereicht.

  • Von Novara nach TurinDatum08.09.2013 07:40
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Für die Statistik: 98,4 km, 130Hm

    Hab dein Schicksal lieb,
    denn es ist der Gang Gottes
    durch deine Seele.

    Thomas von Aquin

    Auch auf unserer letzten Etappe haben wir Wetterglück. Keine Wolke trübt den Morgenhimmel. Wir verabschieden uns von Don Gigi Nava und ziehen Dank Navi
    problemlos aus der Stadt. Riesige Reisfelder auf weiten Ebenen zur Rechten und zur Linken
    soweit das Auge reicht, teilweise bereits erntegelb bis zum Horizont, begleiten uns etwa die Hälfte unseres heutigen Weges. Kerzengerade Straßen durch einsame, kaum bewohnte Gegenden. Irgendwo am Ende des Sichtfeldes laufen die Parallelitäten der Straße auf einen Punkt zusammen, der sich im flotten Radtempo vorwärtsschiebt.Gerade als Zweifel aufkommen, ob wir die „Drittelpause“ nicht schon in einer belebteren Umgebung hatten machen sollen, taucht eine Wohlfühloase in dieser „Reiswüste“ auf, die wir dankbar in Anspruch nehmen. Die Truppe ist mittlerweile gut trainiert, sodass wir den Ort des Mittagsessens erst lange nach der Hälfte der Strecke anvisieren. Dort flüchten wir vor der Mittagshitze in das Innere eines klimatisierten Lokals. Die letzten Kilometer unserer Reise
    wieder mehr Maisfelder und Schotterstraßen, da wir das Navi auf Nebenstraßen programmiert
    haben. Dann der große Augenblick, wir nehmen Aufstellung vor dem großen Ortstransparent
    TORINO für unsere Fotoexperten. Die letzten Stadtkilometer bleiben leider nicht ohne unangenehme Zwischenfälle. Gerhard stürzt durch vorbeifahrendes Auto irritiert. Doch ist er rasch wieder auf den Beinen. In Valdocco werden wir freundlich aufgenommen. Der Großteil der Gruppe bricht zu einem Stadtbummel auf , der nach einiger Suche in einem
    netten Restaurant endet. Fröhlich und auch ein bißchen erleichtert, dass wir unser Vorhaben erfolgreich abgeschlossen haben, begießen wir das Ganze mit einer Flasche Prosecco und Rotwein. Wie sollte man sein Schicksal im Sinne Thomas von Aquins nicht liebhaben, wenn es so verläuft wie die nunmehr abgeschlossene Radtour.
    Freilich, es erwartet uns noch ein Höhepunkt. Eine Turinführung und am Nachmittag die
    Profess von Salesianern am Colle Don Bosco.
    dieter

  • Von Sesto San Giovanni nach NovaraDatum06.09.2013 23:48
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Für die Statistik: 65km, 160Hm

    Nicht mit
    brennenden Kerzen
    entzündet man die Welt,
    sondern mit
    brennenden Herzen

    Peter Lippert

    Heute hatte ich noch rasch zwei Mails betreffend Novara und Turin zu schreiben. Dann räumten wir in Windeseile den Turnsaal und sahen uns nach dem Morgenlob vor verschlossenen Türen.. Ein Anruf bei Ricardo, unserem Betreuer in Sesto und das Problem war geklärt. Während wir ratlos auf das Eingangstor starrten, übersahen wir ein offenes Tor auf der gegenüberliegenden Seite. Wie auch im Leben nehmen wir nur sich schließende Türen war und übersehen deshalb nur allzu oft Türen, die sich öffnen.
    Nach einigen Naviproblemen gelangten wir schließlich doch zum Mailänder Dom. Ein Abstecher zur Skala, ein Eiskaffee in den Galerien, der diesen Namen nicht verdiente; dann entlang von Radler gefährdenden Straßenbahnschienen hinaus aus dem Lärm der Großstadt,
    die Kanäle entlang in die Idylle kleiner Häuserzeilen, Weiden am Wasser, mehrbögigen Brücken, vereinzelt Fischer, darüber der weiß nicht wievielte Tag, an dem der Himmel sein azurblaues Tuch ausspannt. Ein versteckt gelegenes Refugium erweist sich mit einer Wirtin, deren Erscheinungsbild kaum auf ihre dann überraschend zu Tage getretenen Qualitäten schließen ließ, als bester Schutz gegen Hunger, Durst und Hitze.
    Der Nachmittag führt uns zeitweise wieder Kanälen entlang. Anfangs selten, dann immer
    häufiger im strahlenden Erntegelb ...Reisfelder. Wie uns etwas später Don Gigi Nava, der uns bei unserer Ankunft herzlich in perfektem Deutsch empfängt, beim gemeinsamen Abendessen
    erklärt, hat der Reisanbau hier in Piemont lange, auf Spanier zurückreichende Tradition. Die Lombardei hatten wir beim Überqueren des aus der Schweiz herfließenden Ticino bereits verlassen. Die Herzlichkeit Don Gigis ist berührend. Beim Heimgehen vom Abendessen wird
    er in dieser 100000 Einwohnerstadt von allen Seiten begrüßt, die Schüler, denen wir mit ihm begegnen, schätzen ihn offensichtlich sehr. Er selbst wurde in der Turnhalle(!) geweiht. Den
    Gesamteindruck dieser Begegnung geben Lipperts Worte wohl am Treffendsten wieder.
    dieter

  • Von Brescia nach Sesto San GiovanniDatum05.09.2013 23:37
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Für die Statistik: 97km, 160 Hm

    Gemeinschaft
    ist nicht die Summe
    von Interessen,
    sondern die Summe
    an Hingabe

    Antoine de Saint –Exupéry

    Heute haben uns ein paar gnädige Wolken vor zu großer Vormittagshitze bewahrt.
    Auf Nebenstraßen und Dank fast perfekter Navigationstechnik kamen wir flott voran.
    Die Landwirtschaft wird hier mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem betrieben.
    Von großen Kanälen zweigen kleine ab. Mit Schiebern wird der Zulauf zu den einzelnen Planzenreihen reguliert. Josef, unser Biolandwirt, war ganz begeistert vor allem von den
    Maispflanzen. Wir durchfuhren liebenswürdige, schmale Alleestraßen, manchmal auch
    geschotterte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine sehenswerte Altstadt; in der gerade ein großer Markt abgehalten wurde. Ich wäre sehr dafür gewesen, das Treiben beim Essen zu
    beobachten, doch die Mehrheit in der Gruppe wollte aus Angst vor der Nachmittagshitze
    die Fahrt noch ein wenig fortsetzen. Letzlich sollten wir diesen Schritt nicht bereuen. Ein
    ausgezeichnetes Biorestaurant zu einem späteren Zeitpunkt war der Lohn.
    Nach einer ausgedehnten Mittagspause fuhren wir rund 30km immer an Känälen entlang
    Richtung Mailand. Die letzten Kilometer nach Sesto haben wir mit dem Navi gut gemeistert,
    wenn ich die Gruppe auch einmal bei einem riesigen Kreisverkehr eine Ehrenrunde drehen ließ. Heute ist wieder eine Turnsaalnacht angesagt, die wir nach einem guten Abendessen
    gut hinter uns bringen werden. Viele verschiedene Interessen aus der Gruppe kommen immer wieder auf mich zu, mit Humor und ein bißchen Hingabe im Sinne Exupérys sind die Situationen aber bewältigbar.

    dieter

  • Von Verona nach BresciaDatum04.09.2013 23:40
    Thema von Dieter im Forum Dieter's Tagebuch 2013

    Für die Statistik: 83 Km , 530 Hm

    Wir sollten jeden Tag
    wie ein neues Leben
    beginnen.

    Edith Stein

    Am Morgen reges Treiben in der Schule. Die Semestereinschreibungen beginnen. Don Alberto Poles hat als Administrator alle Hände voll zu tun. Endlich bekommen auch wir
    ihn zu Gesicht. Wir verabschieden uns und ziehen weiter. Mein Navi führt uns problemlos
    aus Verona hinaus zum Gardasee. Dazwischen einige giftige, wenn auch nicht allzu lange Anstiege. Die damit verbundene Plage, manchmal auch Schotterstraßen, lohnt sich für mich bei weitem durch herrliche Ausblicke in die Hügellandschaft rund um den Gardasee. Alle
    erdenklichen Gemüse, ja sogar Kiwi werden hier angebaut.Verona selbst ist mit einem Kanalsystem versorgt, dem entlang auch die Radwege angelegt sind.Dann bei ca. 30 Grad
    verspricht das nun auftauchende Blau des Gardasees Abkühlung. Ein Badeaufenthalt von
    ca. 2 Stunden ist geplant. Ein gutes Restaurant tut das Übrige zu unserem Wohlbefinden.
    Ein kleines Verdauungsnickerchen im Gras.Der Nachmittag führt uns über das auf und ab einer einsam wunderschönen Hügellandschaft. Pferdezucht. Einige prachtvolle, weißbraun gefleckte Stuten mit ihren säugenden Fohlen, ein rührendes Sinnbild der Liebe.Ein paar Kinder am Rand verkaufen Feigen. Sie freuen sich über die 2 Euro und ich mich über ihre Freude.
    Das Navi führt uns durch Brescia. Nach einigen Irritationen finden wir auch unser modernes
    Hotel mit hervorragender Küche. Auf einer Reise wie dieser sind für mich die einzelnen Etappen so als ob das Leben jeden Tag neu beginnen würde; denn jeder Tag ist neu, ist anders.
    Im Sinne von Edith Stein sollten wir das auch für jene Tage übernehmen, die der Alltag allzu
    ähnlich oder gleich gemacht hat, findet
    euer dieter

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