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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Politische Diskussion
Hans Gattringer Offline



Beiträge: 28

20.02.2009 00:51
Israel 2009 - Aktuelle politische Entwicklungen und historische Perspektiven antworten

Termin: : Montag, 9. März 2009, 18.30 bis 21.00 Uhr

Ort: Oesterreichische Kontrollbank,
1010 Wien, Strauchgasse 1-3, Reitersaal

Einleitung: Magda Seewald, vidc

Vortrag
Moshe Zuckermann
Universität Tel Aviv

Diskutanten:
Walter Posch, vidc
Helmut Krieger, Universität Wien

Anschließend Erfrischungen

Moshe Zuckermann 13-02-04 4.jpg

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

Um Anmeldung wird gebeten: seewald@vidc.org
oder Tel: 01/713 35 94/75

Hintergrund

Welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen hat der jüngste Wahlsieg der politischen Rechten in Israel? Wie werden sich die Verhandlungs- und Konfrontationslinien mit den PalästinenserInnen angesichts des Gaza-Krieges weiter gestalten? Inwiefern sind eine Zwei-Staaten-Lösung und das Ende von 42 Jahren Besatzungspolitik heute noch realistisch? Wie wird sich Israel geopolitisch in der gesamten Region positionieren?

Ausgehend von diesen aktuellen Fragen werden im Vortrag von Professor Moshe Zuckermann historische Zusammenhänge erläutert, die für ein differenziertes Verständnis des Staates Israel und wesentlicher post- bzw. neozionistischer politischer Strömungen unabdingbar sind.

Dies in einem europäischen und in einem österreichischen Kontext zu diskutieren, ist zugleich eine besondere Herausforderung. Auch der Gaza-Krieg hat wieder verdeutlicht, wie sehr aktuelle Kontroversen und politische Entscheidungen in Europa verstrickt sind in Auseinandersetzungen um Antisemitismus, um die Legitimität von Kritik an Israel und um die Instrumentalisierung von Geschichte.

Welche kritischen und emanzipativen Positionen in diesem Zusammenhang eingenommen werden können, wird an diesem Abend diskutiert.


Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wurde als Sohn deutsch-jüdischer Holocaust-Überlebender 1949 in Tel Aviv geboren und kehrte 1960 mit seinen Eltern nach Deutschland zurück, um 1970 endgültig nach Israel zu emigrieren. Dort unterrichtet er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität von Tel Aviv. Von 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte dieser Universität. In seiner Arbeit setzt sich Moshe Zuckermann kritisch mit der israelischen Politik und Gesellschaft sowie deren Verhältnis zu Deutschand auseinander und veröffentlichte u. a. 2006 „Israel – Deutschland – Israel. Reflexionen eines Heimatlosen“.


Magda Seewald

Die Politologin arbeitet seit 2004 als Projektreferentin beim vidc mit den Arbeitsschwerpunkten: Gender, Gender & bewaffnete Konflikte und Governance.


Helmut Krieger

ist Soziologe und Lehrbeauftragter im Bereich Internationale Politik am Projekt Internationale Entwicklung sowie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, daneben ist er als freier Wissenschaftler im Bereich Gender & Konflikt für das vidc tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind: israelisch-palästinensischer Konflikt, politischer Islam, Geschlechterverhältnisse in der arabisch-islamischen Welt, postkoloniale Theoriebildung.

Walter Posch
Walter Posch war von 1990 bis 2006 Abgeordneter zum Nationalrat, 1995 Abgeordneter zum Europäischen Parlament, von 1999 bis 2006 Menschenrechts­sprecher der SPÖ und seit 2007 ist er der Geschäftsführende Direktor des vidc.

Eine Veranstaltung der Abteilung Dialog & Politik im vidc.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Hans Gattringer Offline



Beiträge: 28

11.03.2009 22:51
#2 RE: Israel 2009 - Aktuelle politische Entwicklungen und historische Perspektiven antworten

"Junge Welt", 11. 3. 09
»Israel steckt in einer Sackgasse«
Räumung besetzter Gebiete würde zu großen innenpolitischen Problemen führen. Ohne sie kein Frieden mit Palästinensern möglich. Ein Gespräch mit Moshe Zuckermann
Interview: Rolf-Henning Hintze
Prof. Moshe Zuckermann lehrt seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv und war von 2000 bis 2005 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte in Tel Aviv

Die Kadima-Partei wird voraussichtlich in die Opposition gehen. Ihre Vorsitzende, Zipi Livni, hat in jüngster Zeit die Notwendigkeit eines eigenen Staates der Palästinenser betont. Wie glaubwürdig sind solche Äußerungen angesichts des forcierten Ausbaus der illegalen Siedlungen in Palästina, den Kadima und die Arbeitspartei jahrelang betrieben haben?
Die Frage ist eine grundsätzliche Frage: Was hat politische Rhetorik zu bedeuten? Sie richtet sich nicht nur an Zipi Livni, sondern auch an die Arbeitspartei und andere Parteien, die jahrelang an der Verschärfung des Nahostkonflikts beteiligt waren. Aber wenn man die Gesamtstruktur betrachtet, so liegt das Problem nicht in dieser oder jener Person, sondern darin, daß Israel im Moment in der Sackgasse steckt. Israel kann die Gebiete zurückgeben, aber dann würden sich hier bürgerkriegsähnliche Szenen abspielen. Israel kann beschließen, die Gebiete nicht zurückzugeben, aber dann schafft es eine Situation, in der sich objektiv eine binationale Struktur entwickelt. Beides würde das Ende des zionistischen Projektes bedeuten, und davor haben alle Politiker große Angst.

Was meinen Sie mit bürgerkriegsähnlichen Szenen?

Ich glaube, wenn man heute beschließt, daß das Westjordanland geräumt wird � und es handelt sich um ein Territorium, auf dem derzeit zwischen 250000 und 300000 Israelis angesiedelt sind � würde es reichen, daß sich dort einige tausend Siedler widersetzen und aus religiös-politischen Gründen sagen: nur über unsere Leiche, das ist von Gott verheißenes Land. Es würde zu einer Situation kommen, in der der Staat sein Gewaltmonopol ausüben muß, anders ausgedrückt: in der Juden auf Juden schießen. Wenn es die ersten Toten und Verletzten bei diesen Räumungsaktionen gibt, würden alle ohnehin latent vorhandenen Risse und Nähte der Gesellschaft aufplatzen, die mit Israels ethnischen und klassenmäßigen Problemen und mit denen von Religiösen und Säkularen zu tun haben. Das meine ich mit bürgerkriegsähnlichen Situationen.

Im Gaza-Krieg ist die israelische Armee in geradezu barbarischer Weise gegen die Zivilbevölkerung vorgegangen. Welche Rückwirkungen hat das auf die israelische Gesellschaft?
Eklatant war, daß die Bevölkerung mit viel größerer Schadenfreude und Blutrünstigkeit reagiert hat als in vorangegangenen Kriegen. Ich habe nicht gesehen, daß es in Israel Besonnenheit innerhalb der Bevölkerung gegeben hätte. Die einzige Frage, die man sich jetzt stellt, ist: Man hat soviel Gewalt und Brutalität angewandt � hat es etwas genützt? Es sieht nicht so aus, als hätte es etwas genützt, denn bei aller Gewalt geht der Beschuß durch die Kassam-Raketen ja weiter, der gefangene israelische Soldat Gilad Shalit ist auch immer noch nicht da, es war also nicht nur nicht effektiv, sondern von vornherein unnütz. Die Bevölkerung hat aber nicht etwa größeres Mitleid mit den Palästinensern entwickelt; das hat allerdings auch damit zu tun, daß sich die Sympathie für die Hamas in Israel in Grenzen hält.

Daneben gibt es auch kritische Stimmen in Israel, aber die waren schon immer randständig, und sie sind es auch in diesem Fall geblieben. Es sind Leute, die ohnehin nichts zu bestellen haben.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitungen in Israel hat die liberale Zeitung Haaretz für das Ende des Waffenstillstands mit der Hamas Israels Regierung verantwortlich gemacht. Wie sehen Sie das?
Ich würde auch sagen, daß Israel auf der einen Seite den Waffenstillstand gebrochen hat. Es gab ja einige Aktionen Israels, die die Hamas in Zugzwang gebracht haben. Auf der anderen Seite ist die Frage, wer hier angefangen hat und wer nicht, letzten Endes belanglos. Das Problem liegt darin, daß hier etwas angelegt ist, das historisch so nicht weitergehen kann. Es kann schlechterdings nicht weitergehen, daß eine Okkupation perpetuiert wird, als sei das der Normalzustand. So lange es eine Okkupation gibt, ist eine Waffenruhe im Grunde genommen nur eine Chimäre.

Hans Gattringer Offline



Beiträge: 28

24.03.2009 23:07
#3 RE: Israel 2009 - Aktuelle politische Entwicklungen und historische Perspektiven antworten

"Süddeutsche Zeitung", 23. 3. 09

Israel

Brücken zu Palästina



"Es gibt auch nichtkriegerische Möglichkeiten, den Raketenbeschuss auf Israel zu stoppen": eine innerjüdische Kritik des Autors Rolf Verleger an der Politik Israels.
Von Martin Forberg

Rolf Verleger, Psychologieprofessor in Lübeck und Mitglied im Direktorium des Zentralrates der Juden in Deutschland ist ein profilierter Kritiker der israelischen Politik. Im Sommer 2006 forderte er den Zentralrat zu einer kritischen Distanz gegenüber Israels Kriegsführung im Libanon auf. Danach initiierte er mit 70 anderen jüdischen Erstunterzeichnern die Erklärung "Schalom 5767" (benannt nach dem Jahr 2006/2007 im jüdischen Kalender). Es ist ein Appell an die Bundesregierung, sich für einen dauerhaften Frieden in Israel/Palästina einzusetzen und den Boykott der Hamas-Regierung zu beenden.

Im Jahr 2009 spricht er sich unter dem Eindruck der israelischen Gaza-Offensive wiederum gegen eine Dämonisierung dieser Organisation aus. Es gebe auch nicht-kriegerische Möglichkeiten, den Raketenbeschuss auf südisraelische Städte zu stoppen, so Verleger. In Israel/Palästina gehe es nicht um einen Konflikt von Gut und Böse, sondern um einen "Streit um ein Stück Land, das den palästinensischen Arabern Heimat war und den Juden als einzig mögliche Heimat erschien".

Die Verantwortung Israels sieht er darin, dass das Land der 1948 geflüchteten und vertriebenen Palästinenser enteignet und ihre Rückkehr verhindert wurde. In den 1967 besetzten palästinensischen Gebieten halte ein Zustand an, der die arabische Bevölkerung in einem rechtlosen Zustand lasse und für sie würdelos und erniedrigend sei. Deeskalation sei nötig, "um durch Verhandlungen, Verständnis für die Position der Gegenseite, Entschädigungen, Kompromisse" zu einer Lösung zu kommen.

Wie ein roter Faden durchzieht Verlegers jüdisches Selbstverständnis das Buch: das Kind von Überlebenden des Holocaust wuchs im schwäbischen Ravensburg "zwischen Anpassung und Judentum" auf. Die Sabbat-Abende und das Pessachfest vermittelten ihm ein "Gefühl von Heimat". Jude zu sein bedeutet für ihn, stolz auf die jüdische religiöse Tradition zu sein und sich dem jüdischen Staat zugehörig zu fühlen. Eine kritische Zugehörigkeit, keine Identifikation. Die jüdische Geschichte sei vom Gegensatz zwischen religiöser Kraft und weltlicher Macht geprägt.

Verleger bekennt sich zur religiösen Kraft und beruft sich auf die Tradition der Propheten, die stets gegen "nationalen Größenwahn" predigten. Vor allem aber verweist er auf die jüdische Tradition der Nächstenliebe. Die sei dadurch erschüttert worden, dass die Position einer radikalen Minderheit schon vor der Gründung des Staates Israel in der zionistischen Bewegung tonangebend wurde: die " Revisionisten" traten für eine Politik der Konfrontation mit den Arabern in Palästina ein. Ihr Ziel, einen starken jüdischen Staat zu schaffen, erhielt als Folge der Nazi-Barbarei weiteren Zuspruch.

Keinen Moment relativiert Verleger die Bedeutung des Holocaust. Er zählt selbst seine engsten ermordeten Verwandten auf. Zugleich fragt er pointiert: "Die Erschießung meiner Großmutter Hanna dafür, dass sie in Berlin ohne Gelben Stern zum Friseur ging, gibt sie dem Staat Israel aktuell das Recht, die Bevölkerung Gazas auszuhungern?"

Für viele Juden sei an die Stelle von Religion und Ethik ein idealisiertes Verhältnis zum Staat Israel getreten. Das führe dazu, dass Kritik an Israels Politik als Verrat angesehen werde. Nichtjüdische Deutsche seien mit einer solchen Kritik enorm zurückhaltend. Und dies aus moralisch guten Gründen mit schlechten moralischen Folgen: Sie wollten anders sein als ihre Vorfahren und vermeiden, dass Kritik an Israel als antijüdisch verstanden werde. Ihre Zurückhaltung trage aber dazu bei, "dass weiter neues Unrecht geschieht und die Welt immer tiefer in einen Strudel von Gewalt gerät".

Verleger nennt hier etwa den Einfluss der deutschen Regierung in der EU, der häufig einen friedenspolitisch notwendigen Druck auf Israel verhindere. Während der Gaza-Offensive in diesem Jahr waren sich prominente deutsche Politiker in ihren einseitigen Schuldzuweisungen an die Hamas einig. Verlegers Darstellung dieser neuen deutschen Einheitspartei trägt fast groteske Züge. Der Autor präsentiert einen Strauß engagierter Denkanstöße.



Nicht alle seine Thesen sind dabei befriedigend: So sollten etwa die Zusammenhänge zwischen den Traumata, die durch den Holocaust hervorgerufen wurden und der heutigen Idealisierung des Staates Israel in Teilen der jüdischen Gemeinschaft genauer untersucht werden. In jedem Fall macht seine Sicht die jüdische Vielfältigkeit deutlich. Sein Ansatz schlägt Brücken zum palästinensischen Volk, in einer Zeit, in der das bitternötig ist. Und vielleicht sogar erhalten deutsche Politiker hier Anstöße für eine ausgewogenere Nahostpolitik.


ROLF VERLEGER: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. PapyRossa (2. aktualisierte und erweiterte Auflage), Köln 2009. 183 Seiten, 12,90 Euro.



(SZ vom 23.03.2009/akh

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