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 Dieter's Tagebuch 2014
Dieter Offline



Beiträge: 181

26.07.2014 01:26
Von Altheim nach Salzburg antworten

Alles in der Welt
ist merkwürdig
und wunderbar
für ein Paar
wohlgeöffneter Augen

Jose Ortega y Gasset

für die Statistik: 95km, 300Hm, Fahrzeit:7h

Das schöne Wetter bleibt uns treu. Vor dem Heldendenkmal des Städtchens erinnere ich mich beim Morgenlob an ein Zitat Bert Brechts:" Weh dem Volk,das Helden braucht." Mit dem Heldenmythos hat man vor allem junge Männer immer wieder zur Kampf- und Kriegsbereitschaft instrumentalisiert. Wer will nicht gerne ein Held sein, von den Frauen bewundert, von den Männern beneidet. Echter Mut hingegen hat eher damit zu tun , gegen den Strom , gegen die allgemeine Meinung anzutreten, hat mit Zivilcourage zu tun.
Gegen Braunau hin, befahren wir ein Flachland mit geringen Erhebungen am Horizont. Hafer und Mais stehen noch,anderes Getreide ist schon abgeerntet. Vereinzelt stehen kleine Kapellen im Raum. Zwei einsame Kühe auf grüner Wiese. Dann eine steinalte Kirche, ein Weiher und schön angelegte Radwege.
Kaum in Braunau angekommen, machen wir die Bekanntschaft eines höchst spirituellen, herzlichen Menschen,der uns nicht nur das Geburtshaus Hitlers zeigt, sondern auch die starke Gegenströmung gegen den NaziTerror aufzeigt, die die ganze Region erfasst hat. Zudem befindet sich ein Denkmal gegen den Faschismus als besondere Mahnung vor dem Geburtshaus. Wir bilden dort einen Schweigekreis gegen jegliche Form von Gewalt.
Bevor wir aufbrechen, stärken wir uns mit Getränken oder Eis. Dann geht es zum Inn hinunter. Eine prachtvolle, flotte Fahrt entlang des hier schon etwas träger vorwärts treibenden Flusses beginnt. Auf Holzresten, die aus dem Wasser ragen, nisten Möwen.Unsere Begeisterung für die unmittelbare Flussnähe, lässt einen Teil der Truppe, zu dem auch ich zu zählen bin, ein wichtiges Schild übersehen. So landen wir schließlich auf reinem, sehr schwer zu befahrenden Schotter, auf Gras; der Weg wird immer unwirtlicher, bis er schließlich in einer Sackgasse endet. Großes Unbehagen macht sich breit, den ganzen schwierigen Weg noch einmal zurück fahren zu müssen. Eine andere Lösung schien nicht in Sicht, bis einer unserer "Schotterradler" in dem sehr steilen Uferhang ein paar Stufen entdeckte. Es war ein Meisterstück, dass wir alle, teils recht schweren, Räder da hinauf hieven konnten. Oben angelangt, sahen wir uns dichtem Wald gegenüber. Mein Navi entdeckte schließlich einen kaum wahrnehmbaren Forstweg,der uns wieder in die Zivilisation zurück führte.
In Ach vereinigten sich die beiden Gruppen zum Mittagessen in einem Restaurant mit atemberaubenden Ausblick. Vor uns am gegenüber liegenden Ufer erstreckt sich die Festung von Burghausen in ihrer ganzen Länge. Darunter schmale und auch breitere Häuser, Kirchtürme,das Rathaus, alles wirkt wie der Abschnitt einer Modelleisenbahnanlage.
Dann der Anstieg nach St.Radegund. Dort begegnen wir der Tochter Jägerstätters. Wir sitzen in der Stube, in der einst ihr Vater die folgenschwere Entscheidung getroffen hat, seinem christlichen Gewissen zu folgen und den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Tief betroffen lese ich seinen Abschiedsbrief vom Tag seiner Hinrichtung.
Wir überreichen seiner Tochter ein Buch über Jean Goss. Der Abschied ist bewegend und herzlich.
Die letzten Kilometer nach Salzburg genießen wir entlang des Flusses. Die Auwälder zu beiden Seiten, die einsetzende Abendkühle eines heißen Julitages, die Lichtreflexionen des Flusses lassen uns unsere beginnende Müdigkeit rasch vergessen.
Bei aller Betroffenheit über die auch heute wieder vorgefundenen Dokumentationen menschlicher Grausamkeit, hilft uns das Erlebnis in und mit der Natur über manche sonst wohl aufkommende Betrübnis hinweg.
Umso wichtiger ist daher im Sinne Gassets die Augen ganz für die Schönheiten der Natur offen zu halten.
dieter

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