Die Lehren des Gestern hat verstanden, wer sich schon heute Gedanken über das Morgen macht.
Jakob Ternay
Auch am heutigen Ruhetag bleibt uns das herbstliche Schönwetter treu. Mit dem Taxi, andere mit dem Fahrrad fahren wir zum (katholischen) Bischofssitz im Zentrum der Stadt., wo um 9h ein Treffen mit der Frau Minister für Familie, Jugend und Sport der Republika Srpska, Frau Nadar Tesanovic stattfindet. Deutlich liegen die Schatten der Kriegsvergangenheit über diesem Gespräch. Der Glaube an eine gute und womöglich gemeinsame Zukunft der drei Volksgruppen Serben, Bosnier und Kroaten scheint endenwollend zu sein. Bei allem Bemühen in ihrem kurzen Vortrag fehlte mir eine visionäre Sicht. Die nächste Station ist die orthodoxe Kirche, die eine lange Geschichte der Zerstörungen hinter sich hat, nun aber in prachtvollem Glanz wiederaufgebaut ist. Die Glocken der Kirche stammen aus der Gießerei Grassmayer aus Innsbruck.Dann geht es weiter zu der im Wiederaufbau befindlichen Moschee Ferhadya, eine der zwei völlig zerstörten Hauptmoscheen der Stadt. Bis Ende 2012 soll der Bau fertig sein. Es ist nicht absehbar, bis wann die Innengestaltung abgeschlossen sein wird. Das Wasser für das Projekt wird nicht dem öffentlichen Netz entnommen, da man unerwünschte chemische Reaktionen für das Baumaterial befürchtet, sondern aus einer eigenen Quelle. Wie rasch wird etwas zerstört, wie schwer ist es, wieder aufzubauen. Nach der Besichtigung einer weiteren katholischen Kirche ging es zur katholischen Schule, für mich ein absolutes Highlight, da wir Gelegenheit bekamen unmittelbar am Deutschunterricht teilzunehmen. Sowohl die SchülerInnen als auch wir konnten Fragen stellen .Daraus entspann sich ein lebhafter und sehr ehrlicher Dialog. Nahezu die ganze Klasse denkt daran, im deutschsprachigen Ausland zu studieren. Ob sie dann wieder in ihr Heimatland zurück wollten? Die überwiegende Antwort: Sie würden im Ausland bleiben, aber ihr Herz bliebe in Bosnien. Für die Hasspredigten ihrer Elterngeneration hatten sie vor allem Abscheu übrig. Diese katholische Institution schließt keine Schüler anderen Glaubens, oder bestimmmter Volksgruppen aus. In der von uns besuchten Klasse befand sich nur eine Katholikin. Schade, dass wir nur eine begrenzte Zeit bei den jungen Menschen verweilen konnten. Diese halbe Stunde war informativer und intensiver als jede noch so lange und ausgefeilte Politikerrrede. Bei einem Mittagessen, zu dem wir einen Umweltaktivisten trafen, hing ich noch lange der Frage einer Jugend mit und ohne Zukunft nach. Sie alle wollten die Vergangenheit hinter sich lassen. Doch ohne die Lehren von Gestern bleibt die Zukunft eine ungesicherte Illusion im Sinne von Jakob Ternay.