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martin Offline



Beiträge: 231

26.06.2009 19:39
Waltraud Ertel: Eine unglaubliche Reise nach Jerusalem antworten

Eine unglaubliche Reise nach Jerusalem

Eine Woche ,zwei Wochen, drei .... nach der großen Reise angekommen
Unterwegs in den auftauchenden Bildern, die mich innerlich bewegen und wieder reisen lassen. Bilder vor meinem inneren Auge, die meine Sinne ansprechen: wohltuender „Tschai“, köstlich frische Salate, winkende Menschen, Landschaften mit verschneiten Berggipfeln, sattgrüne Wiesen, blühende Bäume, wunderschöne Ölbaumplantagen mit roter Erde und silbernen Blättern und wir, so unterschiedliche Menschen auf unseren so speziellen Draht-eseln mit unverwechselbaren Vor-, Auf- und Abwärtsbewegungen........
Ein Ölbaum, mehrere hundert Jahre alt, mit geschmeidig gebogenem Stamm inmitten eines Innenhofes, uraltes Gemäuer rundherum, schattenspendend für uns und eine Gruppe von Kindern, die auf ihn klettern, kopftuchtragende Mütter unterm Baum und wir. Einige fotografieren die Kinder, die Frauen...Staunen über den uralten Baum, der allen Platz gibt und Ruhe ausstrahlt und gut tut. Staunen über das Alter von uns RadlerInnen, zwischen 48 und 69. Staunen in uns über das, was unmöglich scheint und möglich ist – unterwegs zum fernes Ziel Jerusalem.

Unterwegssein mit sichtbar werdenden Kontrasten im Wechsel der Landschaften, den Übergängen der Ländergrenzen, wie Tore in unbekannte Kulturen. Unterschiede zwischen uns werden merklich sichtbar. Es wechseln Ebenen und Hügel bis hin zu Pässen, fruchtbare Böden bis hin zu Kargheit und Steinernem. Offene, konstruktive Gespräche bis zu sich abschließenden, im Eigensinn verharrenden Haltungen. Manchmal eine Zerreißprobe für die Gruppe, für Einzelne, für mich.
Unterschiedliche Vorstellungen, Tempi bringen uns auseinander, die Abstände vergrößern sich, zwischen uns Chaos. Frustration, Ideen von Abbruch machen sich Luft. Aussprache in der Gruppe, es entstehen wieder neue Sichtweisen und Möglichkeiten, die Mut machen, weiter zu radeln.
Ein Abstimmungsritual wird installiert: 1. Ganz dafür 2. Dafür mit einigen Bedenken 3. Dagegen aber sich der Mehrheit anschließend 4. Veto – mit Begründung, ganz dagegen. Das war bei wichtigen Entscheidungen sehr hilfreich. Pete hat uns dieses wichtige Instrument in Belgrad, wo er sich verabschieden musste, mitgegeben. Pete hat auch die ersten wichtigen Gespräche mit Friedensinitiativen in Kroatien, der Vojvodina und in Belgrad organisiert, wie auch im Westjordanland.

Wir Individuen, kontrastreich in Kenntnis und Übung des Radfahrens und überhaupt, weil beinahe jeder andere Zugänge, Haltungs- und Gangvorlieben, Übersetzungen und Philosophien mitbrachte
Alois war nach seinen Aussagen noch kaum geradelt, er wollte es einfach probieren und fand die Idee toll. Ohne Radlerdressschnikschnak, mit langer Hose, aber wenigstens Helm radelte er sich zunehmend ein, selbst sein Hinterteil gewöhnte sich ans beständige Sitzen. Nur ans Anfangschaos konnte er sich schwer gewöhnen, darum verließ er uns in Belgrad.
Unser Hauptnavigator Sepp zum Beispiel bevorzugte die ganz aufrechte Sitz-Sichtweise. Langer Hals, nach allen Seiten beweglicher Blick, um Wegverlauf, Karte, Hinterherfahrende und Vorauseilende zu orten und gegebenenfalls den rechten Weg zu weisen. Dabei waren die Beine ständig, mit erstaunlicher Leichtigkeit (Wunder-Kondi) in Bewegung. Äusserlichkeiten, wie perfektes Rad- oder Bekleidungsautfit spielten weniger Rolle; Radpumpe und –werkzeug am Packelträger eingeklemmt genügten.
Werner, Visionär und Initiator, hatte das absolute Leichtrad, geliehen von KTM, ein richtiger Abheber. Bergauf durch das Eigengewicht gebremst, bergab eine alle und alles überholende Laufwundermaschine.
Hans wiederum mit wachsender Kraft, knirschenden Gängen, Geschwindigkeitsakrobat, mal ganz hinten bis plötzlich vornweg, hatte am Fahrrad immer greifbar besonders ausgeklügelte Utensilien montiert, wie tolle Seitenspiegel, Schweisstuch am Lenker, Augentropfen griffbereit, Radtaschen, die hilfreiche Karte, sowie Handy.
Leopold führte ebenfalls seine Radtaschen mit, fuhr bevorzugt einhändig, weil Fotoapparat in der anderen Hand immer schussbereit. Ein Meister im Absteigen wegen Motivsuche oder Umziehen und Meister im Ein- und Überholen der Gruppe. Wahnsinnskondition, auch wenn ihn Zahnschmerzen und andere Wehwechen manchmal bremsten.
Fritz , eigentlich ein absoluter Geher mit enormen Wadln vom Wandern, war am Rad eine unbeugsame Wundertretmaschine.
Hoch zu Ross hingegen Gerhard und Joschi, einfach eine Nummer zu hoch die beiden. Wenn sie wieder einmal an mir vorbeifuhren sah ich in der Regel nur die Beine, Giganten auf zwei Rädern . Joschi der Kundige im Wirrwarr der Religionen, entwirrte und differenzierte manch einfältige Aussage von Gleich- und Eingottheiten. Auch befreite er gnadenlos von etwaigen frühkindlichen Nazarenergeschichtlein.
Und Heinzi der Profi, einfach alles da, das tolle Bike, der perfekte Tritt, das entsprechende Outfit, das Wissen ums Rad(t).
Ebenso Dieter, sanfter Ritter mit lyrischer Ader. Not- Helfer des Syrienvisa-beschaffungsdramas in 3 Akten.
Heinz, der Entschleuniger mit Überzeugung, steter Tropfen höhlt den Stein.
Martin, großer weiser Mann mit großem Rad(t), der hehren Idee dialogischen Lebens zugetan, ein kommunizierendes Gefäß zwischen der Gruppe und den Tönen der Musik.
Und der Mann ganz aus dem Westen, Walter mit dem Simplon, ein Meister des Wortes, einmal außer Balance geraten und ins Loch gestürzt. Balancehelmträger verstehen das Spiel der Kräfte.
Auzi ist wie so mancher in der Gruppe, vorher noch keine hundert Kilometer am Rad gefahren. Unglaublich, welche Kräfte sich in diesem Mann entfalteten - er war mehr vorne und sonst wo zu finden. Schlussendlich hat er sein Fahrrad in Bethlehem gelassen, ist materiell arm, aber reich im Herzen heimgekehrt.
Karl, der ab Istambul mit uns radelte. Trotz Herzoperation ( Beipässen ) hat er sich’s nicht nehmen lassen mitzuradeln. Achtend auf seine Pulsfrequenz und die Höhenmeter war er sensationell unterwegs und hat sich schnell in der Gruppe eingefunden.
Ernstl unser engagierter Begleitbusfahrer, guter Samariter – Nothelfer, hat sich mit dem oft unüberschaubaren Radlersalat krisengeübt („do kriag i die Krise“) zurechtgefunden und situationsgewandt Ein- und Auswege begleitet.
Und schließlich wir, die Frauen, starke Mitte, „die Drei „(göttliche Zahl).
Zäzilia, die Lachende mit der roten Schirmmütze, eigentlich überzeugte Skaterin, auch nicht viele Kilometer unterm Sattel, aber feste Überzeugung und trainierter Körper haben die zähe Frau ohne geringste Probleme bis Istambul gebracht Aus beruflichen Gründen konnte sie leider nicht weiter radeln.
Elfriede mit dem Mountainbike war und ist für mich in jeder Hinsicht uneinholbar. Sie hat mir den wichtigen Hinweis gegeben, die ersten 500Km mit Leichtgang einzuradeln, um die Muskeln aufzubauen. Das war Goldes wert, wie überhaupt viele ihrer Erfahrungen und Mitteilungen für die Gruppe.
Irmgard ist in Konya zu uns gestoßen, weil sie beruflich nicht die volle Zeit dabei sein hätte können. Eine tolle Radlerin, ein Profi in der Gruppe. Das, was sie macht, macht sie gut und ganz, aber nicht im Alleingang, sondern immer in Beziehung und dem dialogischen Anspruch, sich wirklich einzulassen auf Menschen, mit denen sie zu tun hat.
Und dann bin noch ich, die auch ganz gut mithalten konnte, ohne großartige Vorbereitungen. Mehr mit der Idee, in Bewegung (geistig, körperlich) zu kommen und in Bewegung zu bleiben. Mehr mit der Idee, aufzubrechen, aus dem Alltag und seinen sogenannten Sicherheiten. herauszutreten, mich auf Ungewissheiten einzulassen, damit die Gewissheit wachsen kann.
Also Goldes Wert - die Frauen in der männerdominierten Radlergruppe.

Unterwegs um des Friedens willen zwischen Palästinensern und Israelis.
Unterwegs um des Friedens willen zwischen dir und mir.
Unterwegs um des Friedens willen, heißt sich auf den Weg machen
Unterwegs um des Friedens willen, heißt aufbrechen aus gewohnten Strukturen.
Unterwegs um des Friedens willen, heißt sich einlassen auf Unbekannte, Fremde.
Unterwegs um des Friedens willen ist reich an Kontrasten.
Unterwegs um des Friedens willen ist spannend.
Unterwegs um des Friedens willen, braucht, was tragbar ist.
Unterwegs um des Friedens willen wächst unterwegs und unentwegt.
Unterwegs um des Friedens willen ist Gegenseitigkeit

Euch allen danke, Waltraud Ertel

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