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 Dieter's Tagebuch
Dieter Offline



Beiträge: 181

30.04.2009 01:50
17.Reisetag:(29.4.2009):Ruhetag in Istanbul antworten

Ins Herz geschaut

Willst du dich selbst erkennen,so
sieh,wie die andern es treiben.
Willst du die andern verstehn,
blick in dein eigenes Herz!


Friedrich von Schiller


Nach dem Frühstück versammelten wir uns im Konferenzraum des Hotels um die Detailplanung für Morgen zu besprechen und allfällige Koordinierungsprobleme zu
bereinigen.Um 10h holte uns Wolfgang Hörmann ab,der sich uns für den ganzen Tag als Reiseführer zur Verfügung stellte.Das war für uns ein absoluter Glückstreffer.
Mit Taxis fuhren wir am sonnig wohlig warmen Morgen zur Audienz beim Patriarchen von Konstantinopel Bartolomaios.Wir betraten die Residenz.Über einen Vorraum gelangten wir in das prachtvolle Innere der Kirche.Dann stiegen wir zum Audienzsaal auf,nahmen Platz und erwarteten gespannt das Erscheinen seiner Heiligkeit.Mir
fiel dabei ein,dass Kardinal König eine Brücke zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem Vatikan (Pro Oriente)schon ab den 60erJahren aufzubauen
begonnen hat.Prompt wies seine Heiligkeit neben zahlreichen anderen Kontakten mit österreichischen Persönlichkeiten besonders auf die zu Kardinal König hin.
Er zitierte eine österreichische Zeitung,die zum Tod des Kardinals schrieb:Österreich hat seinen König verloren.Über diese Wertschätzung habe ich mich ebenso
sehr gefreut,wie darüber,dass Bartolomaios uns zu unserem Versuch, ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung zu setzen, mit dem Zitat aus derBergpredigt:"Seligdie
Frieden stiften,denn sie werden Kinder Gottes genannt werden",auf besondere Weise ermutigt hat.Ich habe hier eigenmächtig statt Söhne Gottes Kinder Gottes übersetzt,
denn ,wo kämen wir da hin,wenn das Friedenstiften nur den Männern überlassen wird,noch dazu,wo unsere Mitradlerinnen mindestens den selben Beitrag leisten,wie
die mehr oder weniger muskelbepackten radelnden Männer.Zum Abschied überreichten wir ein "Logohemd",sangen ein Lied,wurde ein gemeinsames Foto gemacht.
Zu guter Letzt überreichte der Patriarch jedem ein kleines Kreuz und segnete uns.Während wir zur Hagia Sophia per Taxi weiterfuhren,hing ich noch lange dem Gedanken
über unser aller Unzulänglichkeit Frieden mit unseren Nächsten und auch Frieden mit uns selbst zu halten.Was mögen wohl wirklich die Beweggründe gewesen sein,die nach der Abspaltung kleinerer Gruppen bereits im 4. und 5.Jahrhundert,1054 zum tiefgreifenden Einbruch durch das "Morgenländische Schisma",der Spaltung in eine abendländische(römische) und eine morgenländische(byzantinische) Kirche , geführt haben.Ging es um Macht,Angst die Kontrolle zu verlieren, zuviel Glauben an die eigene menschliche Stärke,zu wenig Vertrauen auf Christus,Fragen über Fragen??Aber warum sollte es in großen Bereichen anders sein als in der kleinen persönlichen
Welt jedes Einzelnen?
Die Hagia Sofia,prachtvoller Kuppelbau, leider eingerüstet,symbolträchtiger Zankapfel ,nunmehr dank Ata Türk ein Museum.Dann Fahrt mit der Straßenbahn,steiler
Aufstieg zur jüdischen Synagoge,strengste Kontrollen wegen eines Anschlags vor kurzer Zeit.Heinz entdeckt dabei,dass sein Pass fehlt.Ein Hilfsrabbi beantwortet bereitwillig unsere Fragen.Wir überreichen ihm ein "Logoleibchen" und singen schalom,schalom.Er begrüßt unsere Initiative und verabschiedet uns freundlich.
Nun ging es weiter zum St.Georgs College,dem österreichischen Oberstufenrealgymnasium .Neben Österreichern studieren hier auch Türken mit Deutschkenntnissen.
Wir wurden vom Physikprofessor,der auch Priester ist, in der St,Georgskirche empfangen.Er berichtete uns aus seinen reichen Erfahrungen im Umgang mit Schülern
unterschiedlicher Nationalitäten.Er führte uns durch die Schule.Zum Abschluß stiegen wir auf die Terrasse,von der wir einen fantastischen Blick auf das goldene Horn
und die wichtigsten Baulichkeiten der Stadt hatten.Nach einem freundlichen Abschied ,bei dem sich herausstellte,dass unsere Hotelkosten übernommen wurden,gingen
wir weiter zu einem Treffen mit Vertretern der katholischen Minderheit.Die neugotische Kirche liegt sehr zentral inmitten einer Fußgängerzone.Ein Denkmal von
Johannes den XXIII ziert den Vorplatz zur Kirche.Durch seine jahrelange Tätigkeit in der Türkei ist er auch hier kein Unbekannter.2 Kirchenmitglieder erzählten aus
ihrem Leben als Katholiken in einem moslemisch dominierten Land.Auch unser guter Geist von heute Wolfgang Hörmann und seine Familie gehört dieser Gemeinde an.
Schließlich ging es zum wohlverdienten Abendessen,bei dem wir nocheinmal alle Köstlichkeiten türkischer Kochkunst genossen.Leider wurden unsere Rundgänge
ab nachmittag wieder durch Kälte und Regen getrübt.Erwähnen möchte ich noch,dass Dr.Karl Reinberg zu uns gestoßen ist,während Cäcilia leider beruflich bedingt
morgen die Heimreise antreten muss.
Vor dem Einschlafen denk ich noch über die Verse Schillers nach.Wäre das ein Weg ,um friedensbereiter zu werden,wenn wir unsere eigene Unzulänglichkeit in den Taten,Worten Anderer gleichsam wie in einem Spiegel wiederfinden?Bringt der Blick ins eigene Herz mehr Verständnis für Dich,für Dich und auch für Dich?


Dieter

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